geschrieben von Jens Klawonn am 12.Jan 2009
 JERICHOW

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JERICHOW – der Film; Regie: Christian Petzold

Geld oder Liebe oder: gibt es Liebe ohne Geld?
Das biblische Jericho in Palästina war für die nach dem nahe gelegenen Jerusalem strebenden Pilger ein Ort der Verheißung. Der Ort Jericho(w), im Jerichower Land hingegen, ist eher bekannt für die angrenzende, wunderschöne Natur, aber weitaus weniger verheißungsvoll und anstrebsam für die Menschen die hier existieren – müssen!

In dieser von Tristesse und Arbeitslosigkeit geprägten und irgendwie von der Gesellschaft vergessenen Region Sachsen-Anhalts, spielt die unheilvolle Dreiecksgeschichte zwischen Ali, Laura und Thomas. Ein Film von Christian Petzold (u.a. DIE INNERE SICHERHEIT, WOLFSBURG), der zu meinen deutschen Lieblingsregisseuren zählt.

Filmen von Christian Petzold wohnt ein ganz besonderer Zauber inne. Ob in WOLFSBURG oder im Drama YELLA, der Zuschauer hat viel weniger das Gefühl einem Film zu sehen, als vielmehr und in diesem Moment, mit der Kamera ganz “normale” Menschen ein Stück auf dem Lebensweg zu begleiten. Denn Petzold findet das Drama im Alltäglichen und schafft es dadurch, Intensität und Glaubwürdigkeit zu transportieren.

JERICHOW – der Film

Ali (Hilmi Sözer), gebürtiger Türke und stets misstrauischer Ehe-und cleverer Geschäftsmann, ist Besitzer von zahlreichen Imbissbuden.
Im Laufe der Zeit hat er es damit zu etwas Wohlstand gebracht. Seine Frau Laura (Nina Hoss), eine durch Ehevertrag und Schuldscheine an ihn gebundene ehemalige Bardame, unterstützt ihn bei den täglichen Arbeiten und beide leben zurückgezogen in einem idyllisch anmutenden Waldgrundstück.

Thomas (Benno Fürmann), dessen Mutter gerade gestorben ist, wurde während seiner Dienstzeit in Afghanistan unehrenhaft aus der Bundeswehr entlassen…
Seitdem wohnt er wieder im Haus seiner Kindheit und versucht, zwischen all den Erinnerungen und der  grenzenlos erscheinenden Perspektivlosigkeit, sich mit Minijobs (z.B. als Erntehelfer auf einem “Gurkenflieger”) über Wasser zu halten.

Der Regisseur Christian Petzold angesprochen auf seine deutliche Kapitalismus-Kritik im Film JERICHOW und die derzeitigen Finanzkrise:
“Das geht natürlich in meine Filme ein. Das Kino untersucht Gemeinwesen. Etwas, das im Untergrund schwelt, das baldige Platzen der Blase, das spürt das Kino auf. Nach YELLA ging zum Beispiel die Hedge-Fonds-Diskussion los, als Müntefering von Heuschrecken sprach. Was bedeutet das, wenn 25 Prozent Rendite erwartet werden? Das ist totale Ausbeutung.”

Als Ali bei einer seiner alkoholbeschwingten Dönnerbuden-Kontrollfahrten den Geländewagen fast im Fluss versenkt, begegnet er Thomas, der ihn aus dieser misslichen Situation heraushilft.
Aus Dankbarkeit bietet er Thomas einen gut bezahlten Job als Fahrer bei ihm an. Eine Männerfreundschaft scheint geboren und Ali kann seine manische Kontroll-und Eifersucht -zumindest Thomas gegenüber- im Zaume halten.

Tja – wäre da nur nicht Alis hübsche, aber unglückliche Frau Laura, mit der Thomas schließlich eine heimliche und leidenschaftliche Affäre beginnt…! Daraus entwickelt sich eine zunehmend gefährliche Dreiecksbeziehung und welche dann promt bzw. unweigerlich auf eine Katastrophe zusteuert.

JERICHOW – die Filmkritik

Mehr als Wald, den Ostseestrand, ein paar Imbissbuden und die drei Protagonisten bekommt der Zuschauer nicht gezeigt.
Und dennoch: selten habe ich eine so pulstreibende Dramatik erlebt und eine mit so vielen und kraftvollen Wendungen durchdachte Regiearbeit gesehen. Als Leitfaden des Films verwendet Christian Petzold das Thema Geld. “Man kann nicht lieben, wenn man kein Geld hat”, sagt Laura irgendwann zu Thomas. Nur ein plakativ erscheinender Satz? Oder doch die Wahrheit?

Christian Petzold konzentriert sich ausschließlich auf das Wesentliche. Selbst der spartanisch eingesetzte Soundtrack ist nur eine kleine und unterstreichende Option in einem Film gegen die Gefühlskälte unserer Zeit. Auch sein fast legendäres Stilmittel, die Kameraarbeit während der Autofahrtsequenzen, ist im Film JERICHOW erneut in beeindruckender Qualität sowie dramaturgisch zielsicher wiederzufinden.

Die Darsteller haben stets optimalen Raum zur Entfaltung ihres Spiels und dabei stützt sich Christian Petzold auf bekannte Filmgesichter: u.a. André Hennicke (DER UNTERGANG, SOPHIE SCHOLL), Benno Fürmann (ANATOMIE, NORDWAND) und Nina Hoss (YELLA, DIE WEISSE MASSAI), mit denen er schon in der Vergangenheit zusammengearbeitet hat.
Allen voran ist für mich Hilmi Sözers (DER SCHUH DES MANITU, VOLL NORMAAAL), der diesmal in einer anspruchsvollen Rolle zu sehen ist, schon jetzt eine der großen Filmcharaktere des Kinojahres 2009.

Fazit: Ein Kammerspiel der Leidenschaft, garniert mit einem eher beklemmenden Picknick am Ostseestrand. Gefolgt von einer Scharade am dunklen Waldesrand, endet es schließlich in einem spannungsgeladenem Showdown an der Steilküste, am Meer…!
Kurze, knappe aber treffende Sätze in den Dialogen, ausdrucksstarke Sequenzen und eine überragende schauspielerische Leistung der Protagonisten. Einfach Kino von Feinsten!

Der Soundtrack zum Film

Der Soundtrack zum Film kommt u.a. von der türkischen Sängerin Nilüfer, die mit ihrem Song “Karar Verdim” das musikalische Schmankel im Film lieferte.

DVD & BLU-RAY Disc zum Film

Die DVD zum Film JERICHOW: ab 28. August 2009 im Handel.

Deutschland 2008
Kinostart: 8.1.2009
Regie: Christian Petzold
Drehbuch: Christian Petzold
Darsteller: Benno Fürmann, Hilmi Sözer,Nina Hoss, André Hennicke, Claudia Geisler, Knut Berger
Länge: 93 min
FSK:12
Soundtrack:Martin Steyer,Nilüfer,Gülsen,Sezen Aksu

Studio/Verleih und Bildnachweis: Pffil Medien

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2 Antwort zu “JERICHOW”

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